Standort Eisenhüttenstadt: Unternehmen oder nur noch Werkbank?

Veröffentlicht am 22.03.2019 in Wirtschaft

Ministerpräsident Dietmar Woidke hatte am Freitag Morgen das kurzfristig angesagte Treffen der Stahlwerker (2700 Belegschaftsmitglieder, rund 1800 waren gekommen) von Hütte besucht. Diese sorgen sich um ihr Werk und ihre Arbeitsplätze (1,3 Mrd. € Umsatz, 1,7 Mio Tonnen Stahl), nachdem die Konzernleitung umfassende Änderungen in ihrer Unternehmensstruktur verkündet hatte.

Die Eisenhüttenstädter befürchten langfristig gegenüber dem Stahlstandort Bremen ins Hintertreffen zu geraten, nachdem vor rund zwei Jahren bereits Managementaufgaben in die Hansestadt an der Nordsee verlagert worden waren.

Gerade in schwierigen Zeiten hat unser Standort Stärke und Flexibilität bewiesen. Ich bin mir sicher, der Stahlstandort Eisenhüttenstadt hat nicht nur eine erfolgreiche Geschichte, sondern eine ebenso erfolgreiche Zukunft.“ So zitiert die Pressemitteilung des Konzerns Pierre Jacobs, den Chef von ArcelorMittal Eisenhüttenstadt zur außerordentlichen Betriebsversammlung des Flachstahlwerkes im Osten Brandenburgs. Wie sind die Positionen?

Die strategische Ausrichtung des Standortes solle beibehalten werden, heißt es nun offiziell. ArcelorMittal Eisenhüttenstadt sei Premiumlieferant für die Automobilindustrie und Kompetenzzentrum für die Haushaltsgeräteindustrie in Mittel- und Osteuropa.

„Wer jetzt die Eigenständigkeit des Standorts in Frage stellt, der muss mit dem entschiedenen Widerstand der Belegschaft und der IG Metall rechnen“, sagte Olivier Höbel, IG Metall Bezirksleiter Berlin-Brandenburg-Sachsen am Morgen in Eisenhüttenstadt. „Wir werden nicht akzeptieren, dass ein hochproduktiver Standort zur verlängerten Werkbank degradiert wird. Ich appelliere an den Konzern, zur Mitbestimmungskultur zurückzukehren“.

Zur Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit des Standortes seien in den vergangenen fünf Jahren Investitionen in Höhe von über 150 Millionen Euro in Eisenhüttenstadt umgesetzt worden. Darunter befänden sich strategische Investitionen, wie die Neuzustellung des Hochofens 5A und die Kapazitätserhöhung des Hubbalkenofens im Warmwalzwerk. So das Unternehmen.

„Die konkrete Ausgestaltung dieser Organisationsänderungen wird in den kommenden Wochen im Rahmen der Mitbestimmung in den Aufsichtsräten mit den Arbeitnehmervertretern diskutiert. Erste Vorgespräche dazu haben bereits stattgefunden“, so wird Eisenhüttenstadts Chef Pierre Jacobs zitiert.

Holger Wachsmann, Betriebsratsvorsitzender von ArcelorMittal Eisenhüttenstadt: „Die Entscheidungen des Konzerns wirken sich auf rund 2.700 Beschäftigte und ihre Familien, auf viele Zuliefererbetriebe und Dienstleister in der Region Eisenhüttenstadt aus. Deshalb hat ArcelorMittal Eisenhüttenstadt als größter Arbeitgeber in Ostbrandenburg eine soziale Verantwortung für die Region.

Stahlindustrie bekannt für abrupte Wendungen

Nur heiße Luft um ein paar Strukturänderungen in der Metallindustrie? Wohl kaum! Die wenigen verbliebenen (globalen) Stahlkonzerne sind bekannt für abrupte Kurswechsel und auch Schlingerkurse. Dumpingspreise, Boom, Flauten, Pleiten und Fusionen wechseln sich ab. Mit jeweils drastischen Folgen für die Belegschaften. Das seit Jahrzehnten. Da werden Hochöfen und Walzwerke abgeschaltet, obwohl sie wenige Jahre zuvor noch mit viel Geld auf den neuesten Stand gebracht wurden.

Mißtrauen nicht unberechtigt

„Unsere Region bekommt eine Lungenentzündung, wenn es dem Stahlwerk in Hütte schlecht geht“, meint Christiane Barcikowski, Landtagskandidatin der SPD in dem Wahlkreis 29, zu dem auch Eisenhüttenstadt gehört. Dem wohl strapazierten aber stimmigen Zitat fehlt noch der Nachsatz: „Für den Konzern wäre es allenfalls ein Schnupfen!“

Eisenhüttenstadts Bürgermeister Frank Balzer, selbst Stahlwerker, hatte rechtzeitig Alarm geschlagen. Er sorgt sich zu Recht um die Zukunft der Stadt an der Oder. So ist Dietmar Woidkes Besuch richtig, auch der von Landrat Rolf Lindemann. Schließlich will Brandenburg seine drei wirtschaftlichen Standbeine erhalten und auch pflegen: Industrie, Landwirtschaft und Tourismus. Erstere zahlt übrigens die besten Löhne, soweit zu Einkommensunterscheden nicht nur im Lande.

 

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